Interview mit Schwester Hatune Dogan

Doris Luser-Choukér

Sie sitzt im schwarzen Nonnenkleid neben mir im Garten, ein einfaches Holzkreuz pendelt an einer Kordel um ihren Hals. Sie fragt, ob sie die Maulbeeren vom Baum essen darf, und ich bringe ihr eine Schüssel voll davon. Während sie isst, glänzen ihre Augen, und sie erzählt mir dabei, dass ihre Familie damals Maulbeerbäume auf ihrer Plantage in der Südosttürkei gehabt hätten – bevor sie nach Morddrohungen als damals 15-jährige Christin mit ihrer Familie nach Deutschland floh und somit aus eigener Erfahrung weiß was es bedeutet, um das eigene Leben zu bangen.

 

„Angst ist mein ständiger Begleiter“, sagt die ‚Mutter Theresa für verfolgte Christen‘ im Irak, Syrien sowie in anderen islamischen Ländern, „sie hat mich seit damals nie verlassen.“ Sie antwortet nachdenklich auf meine einfache Frage, ob sie denn keine Angst hätte, wenn sie ihr Leben jenen widmet, die auch in Bedrängnis sind und sie ihre Hilfe so unerschütterlich in diesen Kriegsländern leistet für die Opfer der heutigen Christenverfolgung. Sie versucht, entsetzliches Leid zu lindern. So unerschütterlich, dass der deutsche Bundespräsident ihr 2011 das Bundesverdienstkreuz verlieh.

 

 „Die Situation in Ländern des Nahen Ostens ist ein stillschweigender Völkermord“, erzählt sie mir, und über ihre Augen verdunkeln sich: „An den Einsatzorten krieche ich in dunkle Lehmhütten, in denen sich gefolterte Christen vor ihren fundamentalistisch-islamischen Peinigern verstecken. Dort pflege ich mit meinen paar Helfern die fast zu Tode Vergewaltigten. Ich begegne Eltern, deren Kinder vor ihren Augen niedergemetzelt wurden, aber auch Kindern, deren Eltern vor ihren Augen massakriert wurden – weil sie Christen waren.“

Sie lächelt, als sie mein entsetztes Gesicht sieht, und streicht mir über die Haare, um mich zu trösten. Ich kann nicht fassen, dass so etwas HEUTE passiert. Jetzt. Alle fünf Minuten wird weltweit ein Christ seines Glaubens wegen umgebracht – nach Aussage von CSI International (Christian Solidarity International www.csi.or.at) sind es bereits geschätzte 100 Millionen (!) Christen, die in mehr als 50 Ländern verfolgt werden.

 

 „Man muss dem helfen, der am Boden liegt, nicht dem, der das Schwert in der Hand hat! Das tue ich aus dem Wort Matthäus 25.40, das ist meine Aufgabe. Davon berichte ich, ich schweige nicht. Es ist ungerecht, zu schweigen! Und ich tue es, um Europa aufzurütteln“, erklärt Schwester Hatune bestrebt, „in der Hoffnung, die Christen hier mögen die Christen dort unterstützen und das schreckliche Leid beenden. Ich riskiere mein eigenes Leben, damit ich reale Bilder habe, von den Orten des Geschehens. Das ist mein verpflichtendes und unermüdliches Leben in Gottes Auftrag."

Sie weiß von vielen Entführungen. Schwester Hatune hat mit unzähligen Entführungsopfern gesprochen und deren Fälle dokumentiert. So auch den eines Mädchens in Teenageralter aus Jordanien: „Die Eltern versuchten alles, um ihr  einziges Kind freizubekommen. Nach 19 Tagen in Gefangenschaft und täglich mehreren Vergewaltigungen, wurde das Mädchen für Lösegeld freigelassen – grausam verstümmelt und dem Tode nahe.“

Sie seufzt, blickt zum wolkenbezogenen Himmel und sagt leise zu mir: „Das war das einzige Mal, dass ich geweint habe. Ich habe dieses Mädchen in die Arme genommen und selbst geweint wie ein Kind.“ Und ich weine leise mit.

 

„Ich möchte selber Zeugin sein, selber sehen und mich nicht auf das verlassen, was ich von anderen höre", sagt die Nonne, die soeben zu meiner größten Heldin geworden ist. Es sind gnadenlos schreckliche Geschichten, die sie erzählt, grauenhafte Fotos  und Videos, die sie zeigt. Eine große Zahl von Beweisen in Videoclips hat die Ordensfrau von Morden: „Die Videos zeigen die Schächtung christlicher Männer durch islamische Fundamentalisten“, sagt sie betrübt. „Gefilmt haben diese Gräuel die Täter immer selbst, denn sie dokumentieren alle Taten, auch die ihrer Märtyrer (Selbstmörder) und stellen sie stolz ins Internet.“ Ich bin bestürzt und geschockt von der Vorführung ein paar dieser Clips. Warum greift denn da die Politik nicht ein?!? „Die westliche Politik schweigt dazu, sie billigt diese Verfolgung stillschweigend, weil sie das Öl brauchen“, weiß die Nonne zu berichten, „die Medien sagen schwach, dass ihnen das zu ‚radikal‘ sei, obwohl Papst Franziskus sich sorgt, dass die Gewaltwelle gegen Christen nun schlimmer sei als in der Zeit des Frühchristentums.“

Schwester Hatune lächelt und nimmt meine Hand in die ihre.

„Darum brauche ich jede, auch die allerkleinste Spende, um weiterzumachen und von dieser extremen Verfolgung und Vernichtung zu berichten und – vor allem – vor Ort zu helfen. Ich danke dir sehr für die Einladung, bei Euch Gast zu sein und am Abend einen Vortrag zu halten.“

Ihre Augen strahlen dabei und sie streichelt meine Hand. Ich bin überwältigt von dieser kleinen Frau, kann es ihr aber wegen versagender Stimme nicht sagen. Sie sieht meine Tränen und den starren Blick ins Gras.

„Weißt Du, liebe Freundin, ich habe 18 Morddrohungen in sieben Sprachen bekommen.“

Als sie mir das sagt, höre ich fast Stolz in ihrer Stimme.

Da sagt sie demütig: „Aber der Herr wacht über mich. Gottes Segen sei mit dir und allen in deinem Dorf.“

 

Wenn Sie mehr über Schwester Hatune Dogan erfahren möchten, lesen sie ihr Buch


„Es geht ums Überleben – mein Einsatz für die Christen im Irak“,


das Sie über mich beziehen können, oder helfen Sie mit Ihrer Spende an:


Helfende Hände für die Armen

IBAN: DE62476501300011121142,

SWIFT-BIC: WELADE3LXXX, Sparkasse Paderborn

 

 

Doris Luser-Choukér

(doris.luser@gmx.at)

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Kommentare: 1
  • #1

    anna (Sonntag, 01 März 2015 11:01)

    Ich bete für sie

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